Praxis für Systemische Therapie und Beratung in Berlin Prenzlauer Berg | Kriegsenkel - Praxis für Systemische Therapie und Beratung in Berlin Prenzlauer Berg
Das Thema Kriegsenkel liegt mir besonders am Herzen. Es handelt sich um ein gesellschaftlich vernachlässigtes Thema, das leider häufig missverstanden wird.
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Praxis für Systemische Therapie und Beratung in Berlin
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KRIEGSENKEL

DIE RASTLOSE GENERATION

Das Thema Kriegsenkel liegt mir besonders am Herzen. Es handelt sich aus meiner Sicht um ein gesellschaftlich relevantes jedoch leider vernachlässigtes und teilweise verdrängtes Thema, das häufig missverstanden wird. Das Thema Kriegsenkel wirkt deutschlandweit polarisierend. Es gibt in der dritten Generation immer mehr Nachfahren, die sich verstärkt für die Erlebnisse ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg interessieren und die die Zusammenhänge zwischen der eigenen Biografie und der ihrer Familie erforschen möchten und es gibt viele, die endlich einen Schlussstrich ziehen möchten.

Viel entscheidender als die Jahrgangszugehörigkeit ist es, ob und wieweit sich die Nachkriegsgeborenen von den Erlebnissen und Traumata der Kriegsgeneration beeinflusst fühlen. Dies kann in Familien, in denen die Erlebnisse während des Krieges äußerst traumatisch waren und zudem unverarbeitet blieben oder in Familien mit offener oder verschwiegener Täterschaft eines Familienangehörigen, auch noch bei einer relativ jungen Generation der Fall sein.

Gewöhnlich beschreibt der Begriff Kriegsenkel die Jahrgänge von 1960 bis 1976 und bezieht sich auf die Kinder der Kriegskinder, die in den Jahren von 1928 bis 1946 zur Welt kamen. Ich bin persönlich kein großer Freund davon, das Thema an Jahrgängen fest zu machen. Für mich sind zunächst all diejenigen Kriegsenkel, deren Großeltern den 2. Weltkrieg in welcher Form auch immer miterlebt haben. Viel entscheidender als die Jahrgangszugehörigkeit ist es, ob und wieweit sich die Nachkriegsgeborenen von den Erlebnissen und Traumata der Kriegsgeneration beeinflusst fühlen. Dies kann in Familien, in denen die Erlebnisse während des Krieges äußerst traumatisch waren und zudem unverarbeitet blieben oder in Familien mit offener oder verschwiegener Täterschaft eines Familienangehörigen (z.B. durch Beteiligung an den Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten), auch noch bei einer relativ jungen Generation der Fall sein. Auch die Urenkel, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen, sind hier herzlich willkommen.

Für uns Nachfahren ist es wichtig, das Geschehene in die Familienbiografie aufzunehmen und sowohl Täter- als auch Opferanteile zu integrieren, damit wir eine ausgeglichene und gesunde Identität entwickeln können.

Bei den Themen der Kriegsenkel geht nicht um eine Rechtfertigung von Kriegsverbrechen, Mitläufer- oder Täterschaft und nicht um eine Relativierung der Schuldfrage. Es geht vielmehr darum, eine gemeinsame Erinnerungskultur zu schaffen, in der Trauern erlaubt ist und in der das Geschehene akzeptiert werden kann, ohne sich selbst schuldig zu fühlen. Kriegsenkel sind nicht für das Verhalten ihrer Großeltern verantwortlich aber sie tragen die Verantwortung für die eigene Zukunft und sind mitverantwortlich für die Zukunft der Gesellschaft in der sie leben.

Es ist wichtig zu erforschen, was passiert ist und zu verstehen, welchen Einfluss das Passierte auf die Gegenwart nimmt, um den Weg zu einem bedachten und verantwortungsbewussten Umgang mit dem Geschehenen zu ebnen. Es ist auch wichtig, das Geschehene in die Familienbiografie aufzunehmen und sowohl Täter- als auch Opferanteile zu integrieren, damit wir als Nachfahren eine ausgeglichene und gesunde Identität entwickeln können. An Stelle von Schweigen und Verdrängen, Schuld und Scham kann somit eine emotionale Inklusion der Geschichte, ein gemeinsames Trauern und ein gemeinsamer Neubeginn möglich werden.

Traumata und transgenerationale Transmission

Viele Kriegs- und Nachkriegskinder sind in einer unbehaglichen Atmosphäre verborgener Schuld- und Schamgefühlen und einer Vermeidung von Schmerz und Trauer aufgewachsen. Ihre Eltern hatten aufgrund kriegsbedingter Belastungen verlernt, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Diese Reaktion ist nicht ungewöhnlich, sondern eine zunächst natürliche Reaktion des Körpers und der Psyche auf ein traumatisches Erlebnis. Der Versuch, schmerzhafte Erinnerungen wegzuschieben ist erst einmal eine Überlebensstrategie.

Andauernde, lebensbedrohliche Erlebnisse können in die nachfolgenden Generationen hinein wirken. Dabei wird nicht das Trauma selbst, sondern die Art und Weise seiner Verarbeitung, eine erhöhte Stressanfälligkeit, Nervosität und Sensitivität vermittelt.

Fehlen Schutzfaktoren wie u.a. ein offenes, unterstützendes Familienklima, eine sichere und geborgene Umgebung, eine konstante Bezugsperson und freundschaftliche Beziehungen kann es vorkommen, dass die eigenen Selbstheilungskräfte nicht ausreichen, um das Erlebte zu verarbeiten. Posttraumatischer Stress kann in diesem Fall fortbestehen. Die Betroffenen fühlen sich meist erschöpft, hilflos oder wie betäubt. Viele leiden unter Anspannung und Reizbarkeit, Nervosität und Unruhe.

Unter dem Eindruck anhaltender Bedrohung und Gewalt kann auch ein ängstliches, unsicheres und sorgenvolles Lebensgefühl entstehen. Das Vermögen und auch die Kraft, liebevoll auf die Bedürfnisse der eigenen Kinder einzugehen ist häufig eingeschränkt; ein inniges Verhältnis ist aufgrund der eigenen schweren emotionalen Belastung kaum möglich. Viele Kinder wachsen infolge der emotionalen Distanziertheit ihrer Eltern in einer Atmosphäre tiefer Verunsicherung und mit einem Gefühl, nicht richtig oder gewollt zu sein auf.

Umgang mit Verlust, Wut und Trauer

Flucht und Vertreibung, Bombardierung, Hunger und Kälte, Tod, Gewalt, Missbrauch und Verlusterfahrungen gehören zu den traumatischen Erlebnissen vieler Familien während der Kriegsjahre. Ob und in welchem Ausmaß sich in den nachfolgenden Generationen eine sekundäre (indirekte) Traumatisierung zeigt, hängt davon ab inwieweit die primär Betroffenen ihre Erlebnisse verarbeiten konnten.

Nicht verarbeitete traumatische Erlebnisse können zu atmosphärischen Eigenarten wie z.B. einer äußerst ängstlichen, misstrauischen, aggressiven, nervösen oder gefühlsarmen Grundstimmung innerhalb der Familie führen. Nicht selten leiden ihre Nachfahren an Blockaden, Ängstlichkeit, Traurigkeit, Unruhe oder Anspannung; spüren eine Sehnsucht, Heimatlosigkeit oder Entfremdung, ohne zu wissen, wo diese Gefühle ihren Ursprung haben.

Eine nicht verarbeitete – verleugnete, verschwiegene oder bagatellisierte – traumatische Erfahrung kann das Familienklima über Generationen hinweg negativ beeinflussen. Dysfunktionale Bewältigungsstrategien werden kultiviert und ignorierte Gefühle zur Bearbeitung an die nächste Generation weitergereicht. Es kann zu atmosphärischen Eigenarten wie z.B. einer äußerst ängstlichen, misstrauischen, aggressiven, destruktiven, nervösen oder gefühlsarmen Grundstimmung innerhalb der Familie kommen. Nicht selten leiden ihre Nachfahren an Blockaden, Ängstlichkeit, Traurigkeit, Unruhe oder Anspannung; spüren eine Sehnsucht, Heimatlosigkeit oder Entfremdung, ohne zu wissen, wo diese Gefühle ihren Ursprung haben.

Der Umgang mit Trauer und Verlust spielt bei der Verarbeitung belastender Ereignisse eine entscheidende Rolle. Zum eigenen Schutz und aus Angst vor heftigen Emotionen werden sie zunächst ins Unbewusste verbannt. Auch Gefühle wie Schmerz, Wut und Trauer können dabei blockiert werden. Können Schrecken und Leid nicht ausreichend bewütet und betrauert werden, bleiben die Betroffenen meist mit einem Gefühl der Leere zurück. Der Zugang zum emotionalen Erleben wird größtenteils außer Kraft gesetzt. Trauerarbeit ist wichtig, um Abschied nehmen und Verluste integrieren zu können. Erst durch das Zulassen von Wut und Trauer kann der Blick für einen Neubeginn frei werden. Eine offen gezeigte Trauer kann eine Familie stärken und liebevolle und vertrauensvolle Verbindungen entstehen lassen.

Eine offen gezeigte Trauer kann eine Familie stärken und liebevolle und vertrauensvolle Verbindungen entstehen lassen.

Die Tatsache, dass es sich bei unseren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern um Angehörige eines Volkes von Tätern und Mitläufern eines verbrecherischen Regimes handelt hat die Möglichkeit zur Trauerarbeit zusätzlich erschwert und die Etablierung einer offenen aktiven Erinnerungskultur weitestgehend behindert.

Es wurde jedoch nicht in allen Familien geschwiegen. Viele unserer Eltern und Großeltern haben ihren Kindern wiederholt von ihren Erlebnissen berichtet. Die Annahme, dass die extremen Belastungen dadurch verarbeitet wurden stimmt meist nicht. Ein wiederholtes Erzählen ist weniger ein Zeichen dafür, dass das Erlebte verarbeitet wurde, sondern eher dafür, dass es noch nicht möglich ist, eine gesunde Distanz herzustellen. Die betroffenen Familienmitglieder leben in erster Linie mit und in ihren Erinnerungen.

KRIEGSENKEL IN DER LOYALITÄTSFALLE

In vielen Familien, in denen die Kriegserlebnisse äußerst schwer waren und zudem unverarbeitet blieben, fühlen sich die Familienmitglieder häufig in einem Gewirr aus Schuldgefühlen, Dankbarkeit und Pflichtgefühl verstrickt. Die empfundene Loyalität gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration führt zu einer starken emotionalen Bindung an das Elternhaus und das dort herrschende Wertesystem. In vielen Fällen fühlen sich Kriegsenkel und Kriegskinder für das seelische Wohlergehen ihrer Eltern mitverantwortlich. Ablösungs- und Abgrenzungsversuche können starke Schuldgefühle hervorrufen.

Der starke Wunsch, für die Familie da zu sein, ihren Kummer mit Hingabe und Fürsorge auszugleichen kann im Erwachsenenalter eine Ziel- und Orientierungslosigkeit bezüglich des eigenen Lebens zur Folge haben.

Bereits kleine Kinder haben sehr feine Antennen für das Befinden der Eltern. Sie nehmen den Kummer von Mutter und Vater wahr und entwickeln den Wunsch, ihnen zur Seite zu stehen und sie aufzuheitern. Werden die Kinder traumatisierter oder emotional schwer belasteter Eltern erwachsen, geraten sie häufig in einen Loyalitätskonflikt. Was sie auch tun, sich abnabeln oder den Eltern treu bleiben, es wird immer eine Seite – entweder die eigene oder die der Eltern – geben, die in ihren Augen zu kurz kommt. Dieser als unlösbar empfundene Konflikt kann Gefühle von Verwirrung und innerer Zerrissenheit auf Seiten der Kinder hervorrufen und unter bestimmten Umständen dazu führen, dass sie den Bezug zu ihren eigenen Bedürfnissen, Zielen und Wünschen verlieren.

Einige dieser Kinder stellen ihre eigene Weiterentwicklung zugunsten der Familie zurück. Der starke Wunsch, für die Familie da zu sein, für ihr Wohlergehen zu sorgen und ihren Kummer mit Hingabe und Fürsorge auszugleichen kann im Erwachsenenalter eine Ziel- und Orientierungslosigkeit bezüglich des eigenen Lebens zur Folge haben. Andere Kinder, die diesen Konflikt erleben, entscheiden sich für ein streng autonom geführtes Leben. Sie grenzen sich bewusst ab und versuchen somit, den negativen Gefühlen aus dem Weg zu gehen.

Aufgrund der kriegsbedingten Entbehrungen der Eltern und Großeltern und der Tatsache, dass es den meisten ihrer Kinder und Enkel in den Jahren des Wirtschaftswunders wesentlich besser ging, fühlen sich Letztere meist zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Sie sind in dem Glauben aufgewachsen, dass es für sie keinen Grund zum Klagen geben kann.

Aufgrund der kriegsbedingten Entbehrungen der Eltern und Großeltern und der Tatsache, dass es den meisten ihrer Kinder und Enkel in den Jahren des Wirtschaftswunders wesentlich besser ging, fühlen sich Letztere meist zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Sie sind in dem Glauben aufgewachsen, dass es für sie keinen Grund zum Klagen geben kann. Ihre Kindheit war finanziell bestens abgesichert. Faktisch fehlte es ihnen an nichts. Aufgrund der meist schweren emotionalen Belastungen und dem Vorsatz, dass es von nun an allen besser gehen solle, hatten viele Eltern und Großeltern andererseits das Fingerspitzengefühl für die Probleme ihrer Kinder verloren. Diese Kinder fühlen sich als Erwachsene häufig minderwertig und neigen zunächst dazu, ihre eigenen Bedürfnisse hinter die anderer zu stellen. Um endlich gesehen zu werden, strengen sie sich besonders an oder sie machen sich unsichtbar, um nicht zur Last zu fallen. Viele haben Schwierigkeiten, sich abzugrenzen und trauen sich nicht, ihre Bedürfnisse zu zeigen und Wünsche zu äußern. Nicht selten leiden sie unter Perfektionismus, einer rastlose Arbeitsmentalität und Selbstwertproblemen.

FAMILIENGEHEIMNISSE UND IHRE WIRKUNG

Wie bereits geschildert fühlen sich viele Kriegskinder und Kriegsenkel dem Elternhaus eng verbunden. Die automatische Identifikation mit dem Leid der Eltern und die sich daraus entwickelnden Rettungswünsche treffen zudem häufig auf überhöhte Bindungs- und Loyalitätsanforderungen auf der Seiten der Eltern und Großeltern. Nicht selten spielen hier Familiengeheimnisse und Tabus wie z.B. Gewalterfahrungen, Suizid, Missbrauch, Opfer- oder Täterschaft eine Rolle. Schuld- und Schamgefühle, Schmerz und Trauer sollen im Verborgenen bleiben. Die Familie schottet sich nach Außen hin ab. Sie ist verletzlicher als andere und verhält sich dementsprechend misstrauischer.

Bedingt durch Geheimhaltung und Tabuisierung haben die Familienmitglieder häufig einen höheren Anspruch an den Familienzusammenhalt. Die Kinder fühlen sich meist bis ins Erwachsenenalter mit der Familie verstrickt.

Um die Familienmitglieder zu schützen oder vor Schande zu bewahren, werden starre Grenzen aufgebaut. Die Familienmitglieder fühlen sich isoliert. Der Wunsch, eine vertraute, liebevolle Verbindung aufzubauen bleibt in vielen Fällen unerfüllt. Bedingt durch Geheimhaltung und Tabuisierung haben die Familienmitglieder häufig einen höheren Anspruch an den Familienzusammenhalt. Abnabelungsversuche werden eher als Gefährdung der Familie wahrgenommen und weniger als Versuch, sich selbst zu entfalten.

Viele Kinder spüren die Unstimmigkeiten. Sie ahnen, dass etwas Bedrückendes geschehen ist und und leiden unter einer unsichtbaren geheimnisvollen Last.

Die Kinder fühlen sich meist bis ins Erwachsenenalter mit der Familie verstrickt. Auch wenn sie nicht in das Geheimnis eingeweiht wurden, spüren sie die Unstimmigkeiten. Sie ahnen, dass etwas Bedrückendes geschehen ist und und leiden unter einer unsichtbaren geheimnisvollen Last. Viele dieser Kinder bemühen sich um Harmonie, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Gerne würden sie ihre Eltern oder Großeltern von ihrem Kummer befreien. Der Wunsch, alles wieder heil zu machen, spielt in ihrem Leben häufig eine größere Rolle. Andere gehen in Konflikt mit ihrer Familie, versuchen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen oder kämpfen um mehr Selbstbestimmung.